Momentum-Fehler: Wie du aus reiner Geschwindigkeit die falschen Entscheidungen triffst
Es gibt einen Zustand, in dem sich Führung fast mühelos anfühlt. Entscheidungen kommen schnell, die nächste Aufgabe liegt klar vor dir, das Team funktioniert, die Energie stimmt. Man nennt das Momentum – und es ist eines der trügerischsten Gefühle, die eine Führungskraft kennen kann.
Nicht weil Momentum schlecht wäre. Sondern weil es dich glauben lässt, du seist im Recht, obwohl du längst auf Autopilot geschaltet hast.
Wenn Geschwindigkeit zur Falle wird
Stell dir eine typische Situation vor: Du bist mitten in einer produktiven Phase. Meetings laufen effizient, du triffst Entscheidung um Entscheidung, das Feedback ist positiv. Dann kommt eine Frage, die eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte – aber du bist im Flow, also beantwortest du sie wie alle anderen davor. Schnell, klar, weiter.
Zwei Wochen später merkst du, dass genau diese Entscheidung ein Problem war. Nicht weil du schlechte Absichten hattest. Nicht weil du grundsätzlich falsch lagst. Sondern weil du sie aus dem Schwung heraus getroffen hast, ohne innezuhalten. Das ist ein Momentum-Fehler.
Momentum-Fehler entstehen nicht aus Nachlässigkeit oder fehlender Kompetenz. Sie entstehen aus einem Übermaß an Fluss. Die Entscheidung wurde nicht sorgfältig gemacht – sie wurde mitgerissen.
Was Momentum-Fehler von normalen Fehlern unterscheidet
Normale Fehler lassen sich oft klar analysieren: falsches Urteil, fehlende Information, schlechter Zeitpunkt. Momentum-Fehler sind schwieriger zu greifen, weil sie sich im Nachhinein nicht wie Fehler anfühlen. Sie fühlen sich an wie konsequentes Handeln.
Der Autopilot protokolliert keine Zweifel. Er gibt nur Entscheidungen aus.
Das macht die Nachbetrachtung so unangenehm. Du erinnerst dich daran, dass du entschieden hast – aber nicht daran, ob du wirklich nachgedacht hast. Die Erinnerung fühlt sich solide an, obwohl der Prozess dahinter leer war.
Ein weiteres Merkmal: Momentum-Fehler häufen sich. Weil du im selben Zustand bleibst, treffen dich mehrere davon in kurzer Folge – oft erst dann sichtbar, wenn du aus dem Flow herausfällst und auf die Ergebnisse schaust.
Beispiele aus dem Führungsalltag
Eine Abteilungsleiterin stimmt in einem kurzen Flurgespräch einem Projekt zu, das eigentlich eine Ressourcendiskussion erfordert hätte. Im Nachhinein erinnert sie sich an das Gespräch – aber nicht daran, dass sie zustimmte. Sie war gedanklich schon beim nächsten Termin.
Ein Teamleiter gibt in einer gut laufenden Runde schnell Feedback, das eigentlich differenzierter hätte sein müssen. Der Ton stimmt nicht, aber der Flow stimmt – also sagt er es trotzdem. Das Gespräch bleibt im Team hängen, wochenlang.
Eine Geschäftsführerin trifft drei Personalentscheidungen an einem einzigen Nachmittag, weil sie gerade effizient ist. Zwei davon waren richtig. Eine war es nicht – und das war genau jene, bei der sie sich am sichersten gefühlt hatte.
Anker gegen den Autopiloten
Das Problem ist nicht das Momentum selbst. Das Problem ist das Fehlen von Unterbrechungen. Du brauchst keine Entschleunigung – du brauchst Ankerpunkte: kleine, bewusste Momente, die dich fragen lassen, ob du gerade wirklich entscheidest oder nur weiter rollst.
Solche Anker können einfach sein: eine Frage, die du dir selbst stellst, bevor du antwortest ("Habe ich das gerade wirklich gehört?"). Ein physisches Signal, das du dir trainierst – kurz aufstehen, einen Schluck trinken, bevor du antwortest. Oder eine Grundregel, die definiert, welche Entscheidungstypen niemals im Flow getroffen werden dürfen.
Entscheidend ist nicht die Technik. Entscheidend ist die Bereitschaft, das eigene Momentum als Warnsignal zu lesen – nicht als Bestätigung.
Was Regel 16 damit zu tun hat
In meinem Buch ist Regel 16 genau diesem Phänomen gewidmet: dem Unterschied zwischen Entscheiden und Reagieren. Wer nur reagiert, bleibt im Strom der Ereignisse. Wer entscheidet, tritt kurz heraus – auch wenn alles gut läuft, auch wenn die Energie hoch ist, auch wenn niemand Einwände hat.
Regel 16 ist keine Bremse. Sie ist ein Kompass. Sie hilft dir zu unterscheiden, ob du gerade führst oder ob du gerade mitläufst – in die falsche Richtung, mit Vollgas.
Momentum ist kein Beweis dafür, dass du richtig liegst. Es ist nur Beweis dafür, dass du dich bewegst. Das ist nicht dasselbe.